Seit 27. September gelten die EU-Labels zu Gewährleistung und Garantie – und dein Chatbot muss sich schon seit August als KI zu erkennen geben.
Zwei Pflichten, die dieses Jahr auf jeden Onlineshop zukommen, haben nichts miteinander zu tun — außer dass beide leicht zu übersehen sind und beide sichtbar im Shop stattfinden. Seit dem 27. September gelten die neuen EU-Vorgaben zur Kennzeichnung von Gewährleistung und Garantie. Und die KI-Transparenzpflicht des AI Act gilt bereits seit dem 2. August 2026 — wer sie noch nicht umgesetzt hat, ist überfällig.
Teil 1: Die neuen Labels zu Gewährleistung und Garantie
Auch das kommt aus der EmpCo-Richtlinie (EU) 2024/825 — dem gleichen Regelwerk, das die Green-Claims-Regeln gebracht hat. Neu sind zwei Dinge:
1. Der harmonisierte Hinweis auf die gesetzliche Gewährleistung
Verbraucher sollen EU-weit einheitlich darüber informiert werden, dass sie gesetzliche Rechte bei Mängeln haben — unabhängig von jeder Garantie. Auf der Website deines Shops braucht es dafür einen allgemeinen Hinweis. In der Praxis lässt sich das über einen Link im Footer lösen, der auf eine Seite mit der harmonisierten Information führt.
2. Das Label für die gewerbliche Haltbarkeitsgarantie
Dieses Label kommt ins Spiel, wenn der Hersteller eine Haltbarkeitsgarantie von mehr als zwei Jahren auf das gesamte Produkt gibt. Dann muss die Garantie mit dem vorgeschriebenen Label gekennzeichnet werden — sichtbar direkt beim Produkt, also neben Produktbild und Preis.
Wichtig für Händler: Du musst das Label nur verwenden, wenn der Hersteller dir die Angaben liefert. Du bist nicht verpflichtet, Garantiebedingungen selbst zu recherchieren oder zu bewerten.
Das Design ist vorgeschrieben — und unveränderbar
Die EU-Kommission hat die Labels über die Durchführungsverordnung (EU) 2025/1960 festgelegt: Grafikvorlagen, harmonisierte Texte, Farben, Schriften, Proportionen. Das ist kein Gestaltungsspielraum, sondern eine Vorlage.
Was das konkret heißt:
- Keine Anpassung an dein Corporate Design. Nicht die Farben ändern, nicht die Schrift tauschen, nichts weglassen.
- Kein Nachbauen im Shop-Theme. Nutze die offiziellen Vorlagen.
- Nicht mit eigenen Trust-Badges vermischen. Ein „5 Jahre Garantie"-Sticker im eigenen Design neben dem offiziellen Label führt in die Irre — und ist damit angreifbar.
Was du im Shop konkret anpassen musst
- Footer: Link auf die Seite mit dem allgemeinen Gewährleistungshinweis
- Produktdetailseite: Platz für das Garantielabel direkt neben Bild/Preis, wenn eine Haltbarkeitsgarantie > 2 Jahre vorliegt
- Produktdatenmodell: ein Feld für „Haltbarkeitsgarantie in Jahren" pro Artikel — sonst pflegst du das später mühsam von Hand
- Lieferanten fragen: Welche Hersteller geben eine Haltbarkeitsgarantie über zwei Jahre, und liefern sie die Angaben in einer verwertbaren Form?
- Alte Werbeaussagen prüfen: „2 Jahre Gewährleistung bei uns inklusive" ist ein gesetzlicher Standard und darf nicht mehr als Vorteil verkauft werden
Bei Shopware, Shopify und WooCommerce kommt das üblicherweise über ein Produktattribut plus Template-Anpassung. Wer eine Agentur hat: Das ist ein Ticket von wenigen Stunden — aber es muss beauftragt werden.
Teil 2: KI-Kennzeichnung — seit 2. August Pflicht
Die Transparenzpflichten aus Artikel 50 des EU AI Act gelten seit dem 2. August 2026. Der Kern ist einfach: Menschen müssen wissen, wann sie mit einer Maschine sprechen oder maschinell erzeugte Inhalte sehen.
Chatbots und KI-Assistenten
Wenn auf deiner Seite ein Chatbot läuft, muss klar sein, dass es ein KI-System ist — es sei denn, das ist offensichtlich. Ein Satz als erste Nachricht genügt:
„Du schreibst hier mit einem KI-Assistenten. Wenn du eine persönliche Antwort möchtest, erreichst du uns unter …"
Zwei Informationen stecken darin: es ist eine KI, und so kommst du zu einem Menschen. Der zweite Teil ist nicht nur Compliance, sondern guter Service.
KI-generierte Inhalte
Bei synthetischen Bildern, Videos und Audios greift eine maschinenlesbare Markierung — dafür ist in erster Linie der Anbieter des KI-Tools verantwortlich. Als Shopbetreiber betrifft dich vor allem: Inhalte, die reale Personen oder Ereignisse zeigen (Deepfakes), musst du offenlegen. Ein KI-generiertes Model in der Produktfotografie, das keine reale Person darstellt, ist rechtlich etwas anderes als ein KI-Video mit dem Gesicht einer echten Person.
Praktischer Rat unabhängig von der Rechtslage: Kennzeichne KI-Bilder freiwillig. Kunden reagieren deutlich schlechter darauf, es selbst zu entdecken, als darauf, es zu erfahren.
Die EU-Kommission hat Leitlinien zu Artikel 50 veröffentlicht, die den Umfang der einzelnen Pflichten präzisieren — für Detailfragen ist das die verlässlichere Quelle als jeder Blogbeitrag.
Häufige Denkfehler
- „Wir verkaufen nur einfache Produkte, Garantien haben wir keine." → Der allgemeine Gewährleistungshinweis auf der Website gilt trotzdem.
- „Mein Chatbot ist nur ein simples FAQ-Widget." → Dann ist keine KI im Spiel und keine Kennzeichnung nötig. Sobald ein Sprachmodell antwortet, sieht es anders aus.
- „Das Label bau ich mir schnell selbst nach." → Das Design ist rechtlich festgelegt. Eigenbau ist ein Verstoß, nicht eine Umsetzung.
- „Ich warte, bis die Abmahnungen kommen." → Beim Garantielabel ist der Aufwand klein und der Zeitpunkt jetzt. Beim AI Act geht es um Bußgeldrahmen, die kein KMU testen möchte.
Was du diese Woche tun kannst
- Chatbot prüfen. Läuft auf deiner Seite ein KI-Assistent? Steht dort ein Hinweis? Wenn nein: heute noch einen Satz ergänzen. Fünf Minuten Arbeit.
- Footer-Link setzen. Eine Seite mit dem allgemeinen Hinweis auf die gesetzliche Gewährleistung anlegen und im Footer verlinken.
- Lieferanten anschreiben. Eine Sammel-Mail: „Gebt ihr auf Produkte X eine Haltbarkeitsgarantie über zwei Jahre? Wenn ja, welche Angaben können wir übernehmen?"
- Ticket an die Agentur oder Notiz für dich selbst: Produktattribut für Haltbarkeitsgarantie plus Label-Platz auf der Produktseite.
Beides ist unspektakuläre Pflichtarbeit. Aber es ist die Art Aufgabe, die in vier Wochen dreimal so unangenehm ist wie heute.